Die Menschheit erlebt mit Fassungslosigkeit, dass ein Virus, das im weitaus größten Teil der Fälle harmlos ist, einen unglaublichen Weltwirtschaftsschock ausgelöst hat.
Die Industrieproduktion in China ist in einem bisher unbekannten Ausmaß zusammengebrochen. Die internationalen Fluggesellschaften machen die schlimmste Krise in ihrer Geschichte durch: Cathay Pacific hat sein Flugprogramm um 75% reduziert und 25.000 Beschäftigte (75% seiner Belegschaft) in unbezahlten Urlaub geschickt. Korean Air hat seine Kapazitäten um 80% geschrumpft. American Airlines meldet einen Einbruch bei den Reisen nach Asien von 75% bis 100%.
Die Buchungen für Flüge nach Europa aus den Kontinenten Amerika, Asien und Afrika sind in der letzten Februarwoche um 79% abgestürzt. Die deutsche Fluggesellschaft Lufthansa hat beschlossen, 150 Flugzeuge am Boden zu lassen. (der Konzern hat ab der nächsten Woche (23.3.) 95 Prozent seiner Flüge gestrichen, d. Red.)
Gesellschaften planen Entlassungen oder sogar die Konkursanmeldung. Die Börsen geraten in Panik. Die gesamte Wirtschaft überall ist betroffen. Verblüfft von der Heftigkeit des Schocks fürchtet der ehemalige IWF-Chefökonom Kenneth Rogoff den Moment, in dem „die planetaren Wertschöpfungsketten reißen“ und macht sich Sorgen, dass „die Wahrscheinlichkeit einer Weltrezession beträchtlich zugenommen haben könnte, weit über das hinaus, was die internationalen Investoren und Institutionen in ihren gewöhnlichen Vorhersagen zugeben wollen“.
Zwar konzentriert China heute über 20% der weltweiten Industrie. Doch weder der Platz, den China in der internationalen Produktion und dem Welthandel einnimmt, noch die Ausbreitung des Virus auf dem Globus, können allein die Erklärung für das Ausmaß des Debakels liefern. Tatsächlich hat das Coronavirus die Zerbrechlichkeit und v.a. Gefährlichkeit eines ganzen Systems aufgedeckt.
1976 erklärte der US-Wirtschaftsexperte Hyman Minsky, dass sich dann eine Krise entwickeln könne, wenn das Finanzsystem die Schocks noch verstärkt, statt sie zu dämpfen. Das Finanzsystem hat allerdings im Laufe der Geschichte viele Entwicklungen durchgemacht, die es immer instabiler machten. Bis zu dem Moment wo ein einfacher, am wenigsten vorhersehbarer Faktor genügte, um den Absturz ins Bodenlose, den Krach, die systemische Krise auszulösen.
Und das egal wo und egal wann. 1944 diktierten die Verträge von Bretton Woods der Welt den Dollar als Leitwährung und internationales Zahlungsmittel. Am 15. August 1971 beschloss der Vertreter der Wall Street im Weißen Haus das Ende der Konvertierbarkeit des Dollar in Gold. Damit diktierte er im Namen des Erhalts der kapitalistischen Weltordnung das System der fließenden Wechselkurse zwischen den Währungen, die je nach den wirtschaftlichen und militärischen Kräfteverhältnissen bestimmt wurden, um die anderen Staaten zu zwingen, im Sinne der US-Interessen zu handeln.
Diese historische Wende ermöglichte die Entwicklung eines Systems von komplexen Finanzprodukten, die von der Produktion und dem realen Warenhandel losgelöst sind. Dadurch speist es in monströsen Proportionen die Spekulation und das Parasitentum, wofür die Finanzkrise von 2008 der letzte und spektakuläre Ausdruck war.
Bereits 2018 äußerte das World Economic Forum seine Besorgnis: „Die Zentralbanken haben 21.000 Milliarden Dollar öffentlicher Schulden in der Welt seit 2008 aufgekauft, was die Investoren dazu drängte, auf riskanteren Märkten nach Gewinnen zu streben (…). [Das] hat uns aus dem Krach von 2008 gerettet und die Erholung beschleunigt, jedoch (…) auch zu einer Akkumulation von Risiken im Finanzsystem ermutigt. Sind die Märkte und die Wirtschaft bereit, die Konsequenzen zu ziehen?“ Das fängt an bei der Liquidierung der Renten- und sozialen Sicherungssysteme, der öffentlichen Dienste und Krankenhäuser, um die gigantischen Kredite zurück zu zahlen, welche die verschiedenen Regierungen aufgenommen haben, um die Banken und reichen Sponsoren, wie die von Macron, zu retten?
Die extreme Instabilität des internationalen Finanzsystems als Ergebnis dieser historischen Verkettung und Sackgasse, in die uns dieses System treibt, stürzt die Welt in ein viel gefährlicheres Chaos für den Menschen, als das Coronavirus.
Stéphane Marati
Aus: „Informations Ouvriers“, Wochenzeitung der Unabhängigen Arbeiterpartei (POI) in Frankreich, vom 12. März 2020
