Über ein Virus und seine Bedeutung

Ein Artikel von Gérard Bloch aus dem Jahr 1987

Was ist eigentlich AIDS? Was ist das Wesen dieser Krankheit? Wie wird sie sich möglicherweise weiterentwickeln? Wie effektiv sind die aktuellen Behandlungen? Wie weit ist die Forschung? Warum erhalten die Forscherteams so wenig finanzielle Mittel?

Auf diese Fragen geht Gérard Bloch in einem Artikel der Informations ouvrières (Zeitung der Unabhängigen Arbeiterpartei POI in Frankreich) vom Mai 1987 ein, wobei er selbst sagte, dass es einer viel umfassenderen Ausarbeitung des Themas bedurft hätte. Auszüge.


Vor 141 Jahren entdeckte Marx, dass die Umwandlung der Produktivkräfte in Destruktivkräfte die bestimmende Tendenz des Kapitalismus ist. Diese Tendenz bestätigt sich immer mehr, seit diese auf dem Privateigentum an den Produktionsmitteln gegründete Herrschaftsform in die historische Phase ihres Todeskampfes eingetreten ist – seit 1914.

Aber die entscheidenden Produktivkräfte, das sind die Arbeiter, das sind die unterdrückten Völker; und das Kapital zwingt sie zu Hunderten Millionen in die Arbeitslosigkeit und grenzenloses Elend, um seine Herrschaft zu retten. Eine Klasse wird unfähig zu herrschen, ergänzte Marx zwei Jahre später, „weil sie unfähig ist, ihrem Sklaven die Existenz selbst innerhalb seiner Sklaverei zu sichern, weil sie gezwungen ist, ihn in eine Lage herabsinken zu lassen, wo sie ihn ernähren muss, statt von ihm ernährt zu werden.“ (Kommunistisches Manifest)

Wenn es ihr dennoch gelingt, ihre Herrschaft aufrechtzuerhalten, muss sie die wachsende Zahl der überzähligen Sklaven austilgen.

Zwei Weltkriege, die immer wieder in der einen oder anderen Region des Planeten aufflackernden zerstörerischen „kleinen“ Kriege, die organisierte Unterernährung, unter der heute drei von vier Menschen leiden, die Konzentrationslager der Nazis, die Folter und die von den Militärdiktaturen angerichteten Massaker reichten noch nicht. Und da brach die schlimmste natürliche Plage aus, mit der sich die Menschheit seit ihrer Existenz konfrontiert sieht – und die Banker, die Industriellen und ihre politischen Wortführer stürzten sich, wenn sie diese auch zweifellos nicht erschaffen haben, mit Gier auf den Ausbruch dieses erworbenen Immunschwäche-Syndroms (AIDS).

Woher kommt AIDS?

Die wahrscheinlichste Erklärung ist die, dass in den 1960er Jahren in Äquatorialafrika ein Virus mutierte, das mehrere Affenarten – insbesondere die grünen Meerkatzen – befallen hatte, ohne sie aber krank zu machen, in mehreren Etappen in ein Virus, mit dem sich auch Menschen infizieren konnten: das Human-Immundefekt-Virus (HIV). Es konnte einige Jahre in einer kleinen Volksgruppe überleben; das Fehlen von Ärzten, Krankenhäusern, Hygiene, Transportmitteln, das von den Kolonialisten zu verantworten war, verhinderte zunächst seine Entdeckung; die Bevölkerungsbewegungen in Folge der Entkolonialisierung verursachten seine explosionsartige Verbreitung. Gegen 1979 oder 1980 gelangte es in die USA und nach Europa und wurde dort im Juni 1981 als eine spezifische Erkrankung identifiziert. Das Virus, das ihr Träger ist, wurde zuerst 1983 im Pasteur-Institut identifiziert (ein Virus ist nur in einem Elektronenmikroskop sichtbar und kann nur in einem Wirts-Organismus parasitär überleben – das HIV hat einen Durchmesser von einem Zehntausendstel eines Millimeters) (…).

Wie weit ist die Ausbreitung von AIDS fortgeschritten?

In Zentralafrika und in Haiti gibt es jetzt laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine erhöhte Anzahl von Toten und Sterbenden – wahrscheinlich noch viel mehr als bekannt. Dennoch integrieren sich – weit davon entfernt, den massiven Bau von Krankenhäusern und Flughäfen zu fordern und die Mittel für die Forschung zu verzehnfachen oder besser zu verhundertfachen – die WHO genauso wie andere von der UNO und damit dem IWF abhängige Organisationen in Wirklichkeit in die Zerstörungspläne der Milliardäre (…).

Die WHO hat vorgeschlagen, 60 Millionen Dollar für Afrika bereitzustellen. Und von dieser lächerlichen Summe wurden ganze elf Millionen tatsächlich von den sehr ehrenwerten Führern der sieben Großmächte der OECD überwiesen (…).

Die Krankheit breitet sich währenddessen nach Westafrika aus, und ist dabei, auch in Südafrika auszubrechen, wo die Existenzbedingungen und die von den Führern der Apartheid aufgezwungenen politischen Bedingungen die Ausbreitung unter den Schwarzen, die auf engem Raum zusammengepfercht leben müssen, noch begünstigen könnten. Sie hat mittlerweile auch Lateinamerika erreicht (in Brasilien bisher „offiziell“ mehr als 1500 Erkrankte), wo alle Bedingungen für einen Ausbruch in „afrikanischem Maßstab“ gegeben sind, Elend, Konzentration der Bevölkerung in den Armenvierteln, den Befehlen des IWF unterworfene Regierungen. Allen anderen Ländern der Welt droht die Ansteckung…

Tests, Arzneimittel, Impfstoffe

Seit 1985 werden bei Blutspendern Antikörper-Tests durchgeführt, trotz der vielen Hindernisse, die die amerikanischen Milliardärsfonds, die mit Blutprodukten handeln, ihnen in den Weg legten.

Diese Tests bieten jedoch keine absolute Sicherheit für die Transfusionen, insbesondere weil ein Mensch, der mit HIV infiziert ist, erst nach einer Zeitspanne „HIV-positiv“ wird, die sechs Monate dauern kann (oder mehr? Wir wissen es nicht).

So entdeckte vor kurzem die Virenforscher-Gruppe um Luc Montagnier im Senegal ein zweites AIDS-Virus, das HIV 2. Selbst wenn es weniger bösartig zu sein scheint als das HIV 1, macht es einen weiteren Test bei den Blutspendern notwendig. Aber das würde weitere Milliarden kosten, und das ist leider wahrscheinlich der Grund dafür, dass amerikanische Wissenschaftler darauf beharren, dass das zweite Virus nicht aggressiv sei. Bestechlichkeit und servile Abhängigkeit von den milliardenschweren pharmazeutischen Laboratorien wurde in der Tat bereits bei mehreren Leitern von amerikanischen Wissenschaftlergruppen, die zu AIDS forschen, vermutet. Besonders Robert Gallo wurde von einer englischen Wochenzeitschrift, die einen einwandfreien Ruf hat, The New Scientist, angeprangert, mit diversen Manövern den Einsatz der Tests bei Blutabnahmen um ein Jahr verzögert zu haben. Eben dieser Gallo erklärte vor der Presse, es gebe mehr als genug öffentliche Kredite für die Forscher!

Verschiedene Medikamente gegen AIDS wurden zugelassen. Das wirksamste, AZT, verbessert den Zustand der Kranken, es kann die Krankheit aber nicht heilen; es muss also lebenslang genommen werden, und es handelt sich um eine sehr toxische Substanz, die selbst den Tod des Patienten verursachen kann. Darüber hinaus kostet die Behandlung eines einzigen Kranken Zehntausende Dollar: sie bleibt also einer Handvoll Privilegierten vorbehalten (in Frankreich einige Hundert). Dieser Skandal hat bereits eine gewalttätige Demonstration von Erkrankten in der Wall Street Anfang April dieses Jahres ausgelöst.

Die Erstellung eines Impfstoffs stößt auf noch viel größere Schwierigkeiten. Zunächst weil das HIV, wie das Grippevirus, ein Virus ist, das ständig mutiert und sich verändert. Ein Impfstoff müsste, wenn es denn gelänge, einen wirksamen zu produzieren, (wie der gegen die Grippe) alle drei oder vier Jahre oder gar noch öfter durch einen neuen ersetzt werden. Dazu müsste die gesamte Menschheit geimpft werden (außer den bereits infizierten Personen, denen der Impfstoff natürlich nichts mehr nutzen kann).

Es ist gut möglich, dass es für die Herstellung einer Arznei wie eines Impfstoffs erst eines großen Durchbruchs in der Grundlagenforschung bedarf – wahrscheinlich im Bereich der Faktoren, die für die Zellteilung von entscheidender Bedeutung sind, und wo in den letzten zehn Jahren immense Fortschritte gemacht werden konnten, die aber noch nicht ausreichen. Man mag daran die Verantwortungslosigkeit eines Systems ermessen, das die Gelder für die Grundlagenforschung kürzt, die doch vervielfacht werden müssten. (…)

Zehntausend Milliarden gegen die Plage

Wie auch immer, es handelt sich um eine schlimme Plage. Alle Kräfte (Krankenhäuser, die in ein paar Jahren von ihr überschwemmt zu werden drohen, die Forschung, die Ärzte…) müssen mobilisiert und gebündelt werden, um sie zu bekämpfen.

Und in diesem Moment reduziert die Regierung der „Großen Koalition“ von Präsident und Regierung  Mitterand – Chirac, die dem Beispiel Reagans folgt, massiv die Kredite für die Hospitäler und nimmt die Zerstörung der Sozialversicherung in Angriff (…)!

In den USA schätzt man die Summe, die für die Pflege eines an AIDS Erkrankten vom Tag der Diagnose bis zu seinem Tod aufgebracht werden muss, auf Hunderttausend Dollar – andere rechnen eher mit Zweihunderttausend. Das aber nur, wenn er so nett ist, nicht allzu lange zu überleben. Aber viele bleiben – in Frankreich wie in den USA – ganz ohne Hilfe, vor allem die ohne Sozialversicherungsschutz. Woher soll ich das Geld nehmen? klagt der sehr christliche Reagan, muss ich nicht mein Haushaltsdefizit abbauen?

Die amerikanischen Industriellen haben durch die AIDS-Epidemie wohl bereits hundert Milliarden Dollar an Produktivität verloren. Und in Frankreich verweigert Séguin auch den sozialversicherten Opfern der Plage die hundertprozentige Kostenübernahme. Um zu versuchen, diese zu erhalten, müssen sie bei ihrer Sozialversicherung einen namentlichen Antrag stellen!

Das erlaubt, die donnernden Erklärungen Michèle Barzachs (1986 bis 1988 Ministerin für Gesundheit und Familie in der zweiten Regierung von Chirac, d. Red.) gegen Le Pen nach ihrem eigenen Maßstab zu beurteilen, wie die ihrer Amtskollegin in Bonn (Rita Süssmuth, d.Red.) gegen Strauß. Während diese Minister-Damen plappern, agieren sie gegen das öffentliche Krankenhaus und die Sozialversicherung – und appellieren mit großer Medienwirkung an die öffentliche Barmherzigkeit (wie heute Kanzlerin Merkel an die persönliche Verantwortung jedes Einzelnen, d. Red.).

Doch Geld ist nicht schwer zu finden. Diskutieren nicht alle Regierungen über Abrüstung, derweil sie Jahr für Jahr wenigstens Zehntausend Milliarden harter Francs in die Aufrüstung stecken? Zehntausend Milliarden harter Francs, das wäre ein guter Anfang für den Kampf gegen eine Plage, die das Überleben der menschlichen Spezies bedroht. Arbeiter, unterdrückte Völker, es ist an Euch, dies zu fordern, dies zu erzwingen.

Gérard Bloch, 27. März 1987